Wird KI uns ersetzen? Eine ehrliche Perspektive aus dem Online-Marketing
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Wird es Online-Marketing-Agenturen in Zukunft überhaupt noch geben, oder übernimmt Künstliche Intelligenz diesen Job komplett? Diese Frage bekommt André, der bei NSG im Bereich Performance Marketing tätig ist, immer wieder von Kundinnen und Kunden gestellt, und sie beschäftigt ihn nach eigener Aussage auch selbst.
Im siebenundzwanzigsten Interview des NSG-Kanals gibt er eine ungewöhnlich differenzierte, persönliche Einschätzung, die weder in Panik noch in naive KI-Euphorie verfällt. Der folgende Beitrag ordnet Andrés Beobachtungen zu Stärken, Schwächen und wirtschaftlichen Grenzen von KI im Online-Marketing fachlich ein und leitet daraus ab, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine in der Branche realistisch entwickeln könnte.
Schaut euch das ganze Interview im Video an
Inhaltsverzeichnis
- Eine Frage, die auch die eigene Branche selbst umtreibt
- Warum KI den Job aktuell nicht bedroht: Zwei zentrale Schwächen
- Schwäche 1: Die Bewertung von Creatives
- Schwäche 2: Die Vorhersage menschlichen Verhaltens
- Der größte Mehrwert von KI: Datenanalyse in großem Maßstab
- Warum Vorschläge der KI immer validiert werden müssen
- Content-Erstellung mit KI: Warum der erste Versuch selten überzeugt
- Die Gefahr der KI-Halluzination bei Zielgruppenanalysen
- Warum Prompts über Erfolg oder Misserfolg entscheiden
- Warum KI nicht kostenlos ist: Die wirtschaftliche Bremse
- Das Risiko des Streuverlusts durch unreflektierten KI-Einsatz
- Warum Kundinnen und Kunden zunehmend erkennen, was KI-generiert ist
- Warum das bei hochpreisigen Produkten besonders riskant ist
- Was das für die Zukunft der Branche bedeutet
- Praxistipps im Umgang mit KI im Online-Marketing
- Fazit
Eine Frage, die auch die eigene Branche selbst umtreibt
Bemerkenswert an Andrés Einstieg ist, dass er die Frage nach der Bedrohung durch KI nicht nur als Kundenanliegen beschreibt, sondern auch als Frage, die sich das Team selbst stellt. Diese Offenheit ist bezeichnend für den aktuellen Diskurs rund um KI in vielen Branchen: Die Unsicherheit betrifft nicht nur Außenstehende, sondern auch diejenigen, die täglich mit den entsprechenden Werkzeugen arbeiten und deren berufliche Zukunft potenziell direkt betroffen wäre.
Warum KI den Job aktuell nicht bedroht: Zwei zentrale Schwächen
André ist überzeugt, dass KI die Arbeit von Online-Marketing-Fachleuten aktuell nicht ersetzen kann und dies auch noch eine Weile so bleiben wird. Er begründet dies mit zwei konkreten Schwächen, die er bei aktuellen KI-Systemen beobachtet.
Schwäche 1: Die Bewertung von Creatives
Als erste Schwäche nennt André die Bewertung von Werbemitteln, sogenannten Creatives. Fragen wie, was lustig ist, was stilvoll wirkt oder was möglicherweise anstößig sein könnte, bereiten KI-Systemen aus seiner Erfahrung erhebliche Schwierigkeiten bei der zuverlässigen Einordnung.
Diese Beobachtung ist fachlich gut nachvollziehbar. Ästhetische und kulturelle Bewertungen sind stark kontextabhängig, unterliegen gesellschaftlichem Wandel und hängen von feinen, oft unbewussten sozialen Normen ab. Während KI-Systeme darauf trainiert werden können, offensichtlich problematische Inhalte zu erkennen, fällt ihnen die Einschätzung subtilerer Fragen, etwa ob ein Humoransatz bei einer bestimmten Zielgruppe tatsächlich als charmant oder eher als unpassend wahrgenommen wird, erkennbar schwerer.
Schwäche 2: Die Vorhersage menschlichen Verhaltens
Als zweite Schwäche beschreibt André die Vorhersage menschlichen Verhaltens, konkret die Frage, wie jemand auf eine bestimmte Werbebotschaft reagieren wird. Dafür sei sehr viel Fingerspitzengefühl notwendig, das er bei aktuellen KI-Systemen noch nicht beobachtet.
Menschliches Verhalten wird von einer Vielzahl schwer quantifizierbarer Faktoren beeinflusst, darunter individuelle Erfahrungen, aktuelle Stimmungen und kulturelle Prägungen. Auch wenn KI-Systeme auf Basis großer Datenmengen statistische Muster erkennen können, bleibt die Vorhersage individueller emotionaler Reaktionen auf kreative Inhalte eine besonders anspruchsvolle Aufgabe, die bislang stark von menschlicher Erfahrung und Intuition abhängt.
Der größte Mehrwert von KI: Datenanalyse in großem Maßstab
Auf die Frage nach dem konkreten Mehrwert von KI im eigenen Arbeitsalltag nennt André ohne Zögern die Datenanalyse. Bei großen Werbekonten mit tausenden Keywords, zahlreichen Landingpages oder Onlineshops mit zwanzigtausend verschiedenen Produkten entstehen enorme Datenmengen. KI-Systeme sind laut André hervorragend darin, in diesen Datenmengen Fehler zu finden, sogenannte Low Performer zu identifizieren oder saisonale Zusammenhänge zu erkennen, etwa warum ein Produkt gerade jetzt gut oder schlecht performt.
Diese Einschätzung deckt sich mit einem grundlegenden Prinzip maschineller Datenanalyse: KI-Systeme sind besonders leistungsfähig, wenn es darum geht, große, strukturierte Datenmengen systematisch nach Mustern, Ausreißern oder Auffälligkeiten zu durchsuchen, eine Aufgabe, die für Menschen bei entsprechendem Datenvolumen kaum in vergleichbarer Geschwindigkeit zu bewältigen wäre. André beschreibt diese Fähigkeit als riesigen Vorteil und wertvolles Hilfsmittel, das jedoch die eigentliche menschliche Arbeit nicht vollständig ersetzt, sondern ergänzt.
| Kurz erklärt: Stärken und Schwächen von KI im Marketing • Stärke: Datenanalyse großer Datenmengen, Fehlererkennung, Low-Performer-Identifikation • Schwäche: Bewertung von Creatives (lustig, stilvoll, anstößig) • Schwäche: Vorhersage individueller menschlicher Reaktionen |
Warum Vorschläge der KI immer validiert werden müssen
André betont, dass KI-Systeme zwar Vorschläge liefern können, diese jedoch stets von Menschen validiert werden müssen, bevor sie umgesetzt werden. Diese Symbiose aus der datenanalytischen Fähigkeit der KI und der langjährigen menschlichen Erfahrung im Team beschreibt er als aktuell besonders wirkungsvolle Kombination, die zu sehr guten Ergebnissen führt.
Dieses Prinzip entspricht dem bereits an anderer Stelle beschriebenen Konzept des Human-in-the-Loop: Automatisierte Systeme liefern Vorschläge und Analysen, die finale Bewertung und Entscheidung bleibt jedoch in menschlicher Verantwortung. Diese Aufgabenteilung nutzt die Geschwindigkeit und Skalierbarkeit von KI-Systemen, ohne auf die kontextuelle Einordnungsfähigkeit erfahrener Fachleute zu verzichten.
Content-Erstellung mit KI: Warum der erste Versuch selten überzeugt
Am Beispiel der Content-Erstellung beschreibt André seine praktischen Erfahrungen: Bittet man eine KI darum, darzustellen, wie Menschen mit einem bestimmten Produkt interagieren, seien die Ergebnisse im ersten Versuch meistens nicht überzeugend. Die KI müsse dann kontinuierlich nachjustiert werden, bis das Ergebnis den eigenen Vorstellungen entspricht. In diesem Fall bleibe die KI letztlich nur ein Werkzeug, dessen Ergebnis maßgeblich von der Qualität der menschlichen Steuerung abhängt.
André weist zudem darauf hin, dass große Plattformen wie Google KI-gestützte Bildbearbeitung bereits in ihre Systeme integriert haben, etwa im Merchant Center zur Bearbeitung von Produktbildern. Bei der Erstellung von Videocontent beschreibt er die Situation als deutlich komplexer, mit vielen unterschiedlichen, teils sehr guten Anbietern am Markt. Entscheidend sei dabei stets, welche Botschaft vermittelt werden soll und wie diese dargestellt wird, sowie die Beachtung vieler kleiner Details, die eine KI aus seiner Erfahrung häufig nicht ausreichend berücksichtigt.
Die Gefahr der KI-Halluzination bei Zielgruppenanalysen
Ein besonders praxisrelevanter Hinweis betrifft die Validierung von KI-generierten Daten, etwa im Rahmen von Zielgruppenanalysen. André beschreibt, dass bei NSG dieselbe Analyseanfrage, etwa basierend auf Website, Produkten und Geschäftsmodell eines Unternehmens, bewusst an mehrere unterschiedliche KI-Systeme gestellt wird, um die Ergebnisse zu vergleichen. Dabei zeige sich gelegentlich, dass eine KI Informationen erfindet, wenn sie tatsächlich keine belastbaren Daten findet, ein Phänomen, das als Halluzination bekannt ist.
Diese erfundenen Ergebnisse müssten konsequent eliminiert werden, da eine Optimierung auf eine Zielgruppe, die in dieser Form gar nicht existiert oder ein anderes Altersspektrum beziehungsweise andere Interessen aufweist, unmittelbar zu verschwendetem Werbebudget führt. Diese Beobachtung unterstreicht, warum eine kritische Validierung von KI-generierten Inhalten gerade bei geschäftsrelevanten Entscheidungen unverzichtbar bleibt, unabhängig davon, wie überzeugend eine KI-Antwort auf den ersten Blick wirkt.
Warum Prompts über Erfolg oder Misserfolg entscheiden
Ergänzend weist André darauf hin, dass unterschiedliche KI-Systeme unterschiedliche Herangehensweisen verfolgen und dass die konkrete Formulierung der Anfrage, der sogenannte Prompt, erheblichen Einfluss auf das Ergebnis hat. Zwei unterschiedliche Formulierungen derselben grundsätzlichen Fragestellung können demnach zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Diese Beobachtung verweist auf eine wichtige, oft unterschätzte Fähigkeit im Umgang mit generativer KI: die präzise Formulierung von Anfragen, häufig als Prompt Engineering bezeichnet. Wer nicht über ausreichend Erfahrung im gezielten Formulieren von Anfragen verfügt, riskiert, deutlich schlechtere oder sogar irreführende Ergebnisse zu erhalten, selbst wenn die grundsätzliche Fragestellung inhaltlich identisch ist.
Warum KI nicht kostenlos ist: Die wirtschaftliche Bremse
Auf die Frage, ob KI die eigene Tätigkeit langfristig vollständig ersetzen könnte, verweist André auf einen häufig übersehenen wirtschaftlichen Aspekt: KI-Nutzung ist nicht kostenlos. Zwar werde es in Zukunft vermutlich noch leistungsfähigere Modelle geben, doch stelle sich dann stets die Frage, ob der Aufwand im Verhältnis zum Nutzen weiterhin gerechtfertigt ist. Bereits heute seien professionelle KI-gestützte Videoerstellungen mit teilweise erheblichen Kosten verbunden, die häufig nicht über Flatrate-Modelle, sondern nach tatsächlichem Aufwand abgerechnet werden.
Diese wirtschaftliche Perspektive ist ein wichtiges Gegengewicht zu einer rein technologiegetriebenen Betrachtung der KI-Entwicklung. Selbst wenn KI-Systeme technisch in der Lage wären, bestimmte kreative Aufgaben eigenständig zu übernehmen, bleibt die Frage relevant, ob dies wirtschaftlich sinnvoll ist. André verdeutlicht das an einem einfachen Beispiel: Wird einer KI nur vage mitgeteilt, ein Produktbild zu erstellen, und benötigt sie dafür zwanzig kostenpflichtige Versuche, lohnt sich der Einsatz möglicherweise nicht mehr, verglichen mit einer präzise gesteuerten, von erfahrenen Fachleuten begleiteten Umsetzung.
Das Risiko des Streuverlusts durch unreflektierten KI-Einsatz
Ein besonders eindringlicher Punkt betrifft das, was André als potenziell enormen Streuverlust durch unreflektierten KI-Einsatz beschreibt. Ohne die Einbindung menschlicher Erfahrung besteht aus seiner Sicht die Gefahr, dass mittels Trial-and-Error unfassbar viel, letztlich wenig zielgerichteter Content produziert und an potenzielle Kundinnen und Kunden ausgespielt wird. Er betont dabei einen wichtigen Punkt: Bei den meisten Kundinnen und Kunden gibt es keine zweite, dritte oder vierte Chance, sie zu überzeugen. Entweder man erreicht sie direkt, oder sie wenden sich dem Wettbewerb zu.
Diese Beobachtung ist strategisch bedeutsam, da sie den vermeintlichen Effizienzgewinn durch massenhafte KI-Content-Generierung relativiert. Zwar lässt sich mit KI theoretisch eine große Menge an Werbematerial kostengünstig produzieren, doch wenn dieses Material die eigentliche Zielgruppe nicht treffsicher anspricht, verpufft der potenzielle Kosteneffekt durch verpasste, nicht wiederholbare Kontaktchancen.
Warum Kundinnen und Kunden zunehmend erkennen, was KI-generiert ist
Ergänzend beobachtet André, dass Menschen zunehmend ein Gespür dafür entwickeln, welche Werbeinhalte von KI erstellt wurden und welche echt sind, insbesondere im Videobereich, wo dies aus seiner Erfahrung besonders schnell erkennbar ist. Er verknüpft diese Beobachtung mit der Preisklasse eines Produkts: Bei günstigeren Produkten sei diese Erkennbarkeit weniger dramatisch, bei hochpreisigen Produkten würde er von auffällig KI-generiertem Content jedoch eher abraten.
Warum das bei hochpreisigen Produkten besonders riskant ist
Diese Einschätzung lässt sich gut mit psychologischen Mechanismen der Kaufentscheidung erklären: Bei hochpreisigen Käufen investieren Konsumentinnen und Konsumenten in der Regel mehr Zeit und kritische Aufmerksamkeit in ihre Entscheidung, wodurch auch subtile Vertrauenssignale, wie die wahrgenommene Authentizität eines Werbemittels, stärker ins Gewicht fallen. Erkennbar künstlich wirkender Content kann in diesem Kontext das Vertrauen in ein hochpreisiges Angebot stärker beeinträchtigen als bei impulsiveren, günstigeren Kaufentscheidungen.
Was das für die Zukunft der Branche bedeutet
Insgesamt zeichnet André ein Bild, in dem KI und menschliche Fachkräfte im Online-Marketing auch mittelfristig zusammenarbeiten, statt dass die eine Seite die andere vollständig ersetzt. Die Kombination aus datenanalytischer Stärke der KI und menschlicher Erfahrung bei Kreativbewertung, Zielgruppenverständnis und strategischer Steuerung bildet aus seiner Sicht aktuell die wirkungsvollste Arbeitsweise.
Praxistipps im Umgang mit KI im Online-Marketing
| Praxistipps auf einen Blick • KI-generierte Vorschläge grundsätzlich von erfahrenen Fachleuten validieren lassen • Bei wichtigen Analysen mehrere KI-Systeme parallel nutzen, um Halluzinationen zu erkennen • In präzises Prompting investieren, da die Formulierung das Ergebnis stark beeinflusst • Die tatsächlichen Kosten von KI-gestützter Content-Erstellung realistisch einplanen • Bei hochpreisigen Produkten kritisch prüfen, ob KI-Content authentisch genug wirkt |
Fazit
Das Gespräch mit André liefert eine erfrischend ehrliche, undogmatische Perspektive auf die Frage, ob KI Online-Marketing-Agenturen ersetzen wird. Weder verharmlost er die Leistungsfähigkeit von KI-Systemen bei der Datenanalyse, noch überschätzt er deren Fähigkeiten bei kreativen und zwischenmenschlichen Aufgaben. Die Kombination aus wirtschaftlichen Grenzen, technischen Schwächen bei Kreativbewertung und Verhaltensvorhersage sowie dem Risiko unreflektierten Streuverlusts spricht dafür, dass die Symbiose aus KI und menschlicher Erfahrung auf absehbare Zeit die wirkungsvollste Arbeitsweise im Online-Marketing bleiben wird. Für Unternehmen und Fachkräfte in der Branche bedeutet das weniger eine Frage des Ersetzt-Werdens, sondern der bewussten, kritisch reflektierten Nutzung von KI als leistungsfähigem, aber eben nicht allmächtigem Werkzeug. Wer diese Balance versteht, kann die Vorteile der Technologie nutzen, ohne den entscheidenden menschlichen Faktor zu vernachlässigen, der am Ende häufig über Erfolg oder Misserfolg einer Kampagne entscheidet.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wird KI Online-Marketing-Agenturen komplett ersetzen?
Nach Andrés Einschätzung aktuell nicht und auch noch länger nicht, da KI bei der Bewertung von Creatives und der Vorhersage menschlichen Verhaltens weiterhin klare Schwächen zeigt.
Was ist die größte Stärke von KI im Online-Marketing?
Die Analyse großer Datenmengen, etwa bei tausenden Keywords oder zehntausenden Produkten, um Fehler und Low Performer schnell zu identifizieren.
Was bedeutet Halluzination im Zusammenhang mit KI?
Wenn eine KI keine belastbaren Daten findet, erfindet sie manchmal Informationen, die nicht der Realität entsprechen, was bei geschäftsrelevanten Entscheidungen erhebliche Risiken birgt.
Warum ist KI nicht automatisch günstiger als menschliche Arbeit?
Weil professionelle KI-Nutzung, etwa bei Video- oder Bildgenerierung, oft nach Aufwand abgerechnet wird und bei unpräziser Steuerung schnell hohe Kosten durch viele Versuche entstehen.
Warum ist KI-generierter Content bei hochpreisigen Produkten riskanter?
Weil Kundinnen und Kunden bei teureren Käufen kritischer prüfen und erkennbar künstlicher Content das Vertrauen in ein hochpreisiges Angebot stärker beeinträchtigen kann.

